Veränderungsverwaltung

Ein Bekannter von mir ist gerade dabei eine neue internationale „Crowd“ aufzubauen, dabei ist ihm die deutschsprachige Gruppe eher negativ aufgefallen, denn sie haben als einzige Kraut die Deadline zur Abgabe ihrer aller ersten Aufgabe nicht eingehalten.

Nanu, Verbindlichkeit ist eigentlich eher eine gewohnte Tugend aus deutschsprachigen Kultur-Codes, nur wenn es um Veränderung geht schauen wir erst mal zu was die Anderen so machen und warten ab, quasi die Merkelbremse in uns allen, dann sind wir total unzuverlässige, taktierende Zuschauer bevor wir der Herde folgen.

Ich wünsche mir keine falsche Verbindlichkeit des Terrors im Geiste von Goldhagen bei dem systemopportunistisch gehandelt wird. Denn leider wird das Verwalten von Prozessen eher gesellschaftlich goutiert als mutige, eigenständige, innovative Veränderungen. Nicht ohne Grund sind wir keine digitalen Führer sondern eher willige Kopierer mit ganz viel Verwaltung ohne Haltung.

Ich wünsche mir mehr Lilienthals und Brandts in uns allen damit wir in Zukunft auf der richtigen Seite der Geschichte stehen und nicht wieder auf der Falschen. Das mit der Verwaltung von Prozessen ist ja dann ganz einfach.

Der Besser Ossi

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Foto: Sigmund Jähn via dresden_sachsen

Letzte Woche habe ich mit einem Ostberliner beim Abendessen über die Post-Wendezeit gesprochen. Wir fragten uns, was von der DDR übrig geblieben ist. Dann sprachen wir  über die verschiedenen Ossis, solche, die sich zweimal Begrüßungsgeld abgeholt haben oder anpassungswillige Systemopportunisten aus dem SED-Kader und andere Glaubemenschen der Propaganda-Maschine, siehe Angela Merkel, die in der Sauna saßen statt für die Freiheit zu kämpfen.

Besser Ossis à la Gauck sind auf die Straße gegangen, sie standen für etwas, haben für eine neue Zukunft gekämpft, sich in Kirchen getroffen, wollten eine bessere, andere DDR. Viele wurden nach der Wende still und leise verwestlicht, wie ein Update des Adobe Acrobats, fast unscheinbar.

Wir waren uns beim Essen einig: Was uns immer noch in der gesamtdeutschen Aufklärung und in Diskussionen fehlt ist der Besser Ossi. Leider hat der Besser Wessi vieles schlecht (-besserwisserisch) geredet und reduziert auf Äußerlichkeiten, wie fehlende Bananen, Trabis und Ost-Jeans. Die Post-Wendezeit hat das Zwischenmenschliche, die kulturellen Codes des Miteinanders des Ostens, einfach verschluckt, vergessen, sie zu reflektieren, geblendet von blühenden Landschaften.

Vergessen wurde auch die Reflexion über die soziale Bande. Der Besser Wessi nutzt die Bande, um sich durch andere zu definieren, sich über sie zu erheben, den Nutzen im Materiellen zu sehen, für sich, andere mit Logos zu beeindrucken, die auch Logos tragen, denen es eigentlich egal ist. Der Besser Wessi ist gefangen im Vergleichssumpf, mit sich und anderen Menschen, verloren in Äußerlichkeiten des Egos, in kurzzeitigen Verminderungen vorrangegangen Leids. Der Besser Ossi lebt mit der sozialen Bande im Einklang, fast bandenlos, und definiert sich durch Empathie, ohne sich über andere zu stellen, mit anderen im gegenseitigen Vertrauen ohne Kontrollzwang der omnipräsenten Kosten-Nutzenrechnung und passiv-agressivem Taktieren.

Im gerade angebrochenen Mega-Ego-Zeitalter von Tinder und kostenlosen Fitness-Apps, denen ich alle meine Daten minus Romantik auch für billige Hardware hergebe, verkauft sich der Besser Wessi als verkappter, sozialer Neokapitalist blendend. Die Bande wirkt wie ein Spiegel, in dem der Besser Wessi nur sich selber sehen kann, quasi als Teil der Ichbinich-Selfie-Schickeria.

Ich glaube, der Besser Ossi ist schon längst da, nur ungleich verteilt, wie Rifken unlängst in seinem dicken Schinken Die empathische Zivilisation erklärt und in Kulturzeit erzählt, unser menschlicher Kern ist unendlich weit weg vom Besser Wessi. Unendlich war die Sicht des Kosmonauten Sigmund Jähn, der erste Deutsche im Weltall. Vielleicht konnte er erkennen, wie kleingeistig der Besser Wessi ist. Als Pionier hat er unseren Planeten vom All gesehen und womöglich war es ein anderes, besseres, postvereintes, empathisches Deutschland.

Ambiguität is the real punk

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In 2013 sind noch nie wie zuvor so viele Daten in der Menschheitsgeschichte gesammelt worden: 4.5 Milliarden Terrabytes.

In Santa Cruz löst das Predicitive Policing die Probleme kostengünstiger und effektiver als Menschen. Das letzte Mal als ich dort war wurde ich nach Einbruch der Dunkelheit mit meinem Camper vom Strandparkplatz vertrieben. So finden California Cops heraus, dass bestimmte Verbrechen ansteckend sind und sich vorhersagen lassen. Frauen kaufen im 3. Monat sehr wahrscheinlich die gleichen Produkte für ihre Kinder. Krankheiten verbreiten sich dank dem regen Flugverkehr zwischen den globalen Hubs schneller, lassen sich durch Big Data andererseits effektiver eindämmen.

Unser Leben wird berechenbarer. Der freie Wille erklärt nur wenig, eine große Beleidigung der Informatiker an die Menschheit, meint der Foscher Alexander Markowetz. Es besteht Hoffnung für die schon abgeschriebene, punkige Ambiguität: Singuläre Events wird man nie vorhersagen können. Dann kann sich der „Teppich der Ereignisse“ in Berlin weiter ausbreiten.

via Das Ende des Zufalls auf 3Sat (nur bis zum 26.2.2015 in der Mediathek)

In der Schlange stehen


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Bild: Spiegelneuronen

Gestern stand ich mal wieder in einer Schlange. Direkt hinter mir drängte sich jemand ungefähr 7,23 Zentimeter an mich ran, obwohl er mit mir keinen gemeinsamen Ausdruckstanz üben wollte. Darauf folgte der Kulturcode-Exportschlager schlechthin: Ein nonverbaler Seufzer, kombiniertes Augenrollen und einer passiv aggressiven Ungeduld.

Zu dieser puren Unentspanntheit stelle ich nun eine kleine, steile These auf:  In keinem anderen Land der Erde ist das Schlangenstehen ein so schickes Abbild des alltäglichen, oberflächlichen Miteinanders.

Drängeln ohne Grund und Ergebnis. Sich zuerst sehen. Ans System des Drängelns glauben ohne es zu hinterfragen. Das ist meine Sandform. Spirituelle Armut und fehlendes authentisches Mitgefühl. Handtuch an Handtuch am Strand liegen. Glauben es besser zu Wissen ohne den Anderen zu hören und zu sehen.

Die Lösung im Alltag ist eigentlich relativ einfach: Andere in der Schlange zu erkennen und mehr Raumrespekt zu geben, geistig wie körperlich. Mein Gefühl sagt mir, dass Berlin hier ein paar Zentimeter voraus ist, liegt vielleicht daran, dass hier einfach mehr Platz ist und womöglich auch weniger Schlangen.

Fiktion der Vernunft: Verdächtige Freude

The Humans are Dead

Deutschsein kann pessimistisch sein heissen, vor allem gegenüber anderen, denn die Anderen sind schuld, wahlweise muss der Staat herhalten. John F. Kennedy hatte einst Angst vor deutscher Freude als er die Massen in Berlin empfang. Womöglich hat er die weltweit gerühmte, verdächtige Freude erwartet.

Ich habe viel Zeit benötigt um zu verstehen warum Neudeutsche des Öfteren “Was guckst du?” sagen. Es ist das oberflächliche, abschätzende, auf Äußerlichkeiten reduzierte gegucke, dass in der deutschen Gesellschaft akzeptiert ist und für Zuwanderer oder Besucher irritierend sein kann.

Wahrscheinlich liegt es am Exportschlager „Schadenfreude“ und dem Einsatz des Löschblatts in der Schule, damit ja keiner abschauen kann. Vielleicht tragen die alten germanischen Stammesstrukturen dazu bei, jeder für sich, lieber bin ich König von Ulm als Prinz aus Hamburg. Das Frühe sich abgrenzen und verteidigen führt dazu das uns vieles verdächtig ist, auch die Freude anderer. Wenn wir in Europa mehr zusammen wachsen wollen ist die verdächtige Freude schwer als exportierbares Kulturgut zu vermitteln.

Ich habe mal gehört, dass Glück nur existiert weil man es anderen wünscht. Sollte das ansatzweise stimmen, existiert in Deutschland womöglich mehr Provinzvernunft als oberflächliche Freude für den Anderen.