Paprika Chips sind auch keine Lösung


Photo via Jessica and Lon Binder

Das muss in der 6. Klasse gewesen sein als ich drei Jahre in der Quadratenstadt Mannheim die Schulbank drückte. Im Kiosk meines Vertrauens gabs in der großen Pause saure Zungen und auf dem Weg nach Hause manchmal eine Tüte Paprika Chips.

Zur Auswahl standen im Regal ganze drei Sorten Paprika, das wars. Sour Cream Whiskey oder Kürbis Orange wären unglaubwürdige Zukunftsvisionen gewesen. Die gute alte Paprika hatte eine absolute Monopolstellung, das orangefarbene Gewürz musste sich vor niemandem rechtfertigen, die miefige Wessi-BRD war sich sicher, Chips sind orange, ich habe fertig.

Telefonieren organisierte im Alleingang die Deutsche Post. Ich kann mich noch an die kryptischen Fetznetz Rechnungen erinnern. Telekom hilft wirkt heute wie eine Ironie der Geschichte. Sie waren Nutznießer im Kosmos des Wessi-Kommunismus. Geklonte Staatsunternehmen, im Geiste der Lufthansa oder Bahn ohne wirklichen Dienstleistungsdruck und dem Atem des Verbrauchers am Hinterkopf, zählten munter ihre Einnahmen.

In die Glaskugel schauen ist kein Dieselmotor. Wir sind uns immer gleich so sicher obwohl wir garnichts Wissen. ISDN wäre fast das schnellste Internet der Welt geworden. Michel Houellebecq stilisierte glatte Broschüren deutscher Autohersteller als Fiktion der Vernunft. Nur ein Komödiant mit Doktortitel kann seriös sein; es muss sich alles ableiten können, über uns selber lachen macht überhaupt keinen Sinn und die Zukunft überlassen wir lieber anderen, dafür empfehle ich weiterhin, dass wir alle erdenklichen Prozesse in der Gegenwart optimieren.

„Das Internet wird kein Massenmedium, weil es in seiner Seele keines ist“. – Zukunftsforscher Matthias Horx, 2001

Berlin is so Open Stunden


Wenn Open dann Stunden. Ich kann dies gerne als alternatives Kampagnen-Motto für Berlin 365/24 anbieten, auch wenn Open Stunden in der Marienburger Straße ein Anzeigen-Missverständnis sein muss, nach 22 Uhr übernehmen Lärmspießer als Minderheit für die Mehrheit

Warum wir keine guten Führer sind

„Es gab Zwänge, denen du dich nicht entziehen konntest. Das war natürlich traurig und ein Bestandteil eines falschen Systems. Und: Es war auch alternativlos“. – Matthias Sammer

Ich habe mich gestern Abend mit einem Österreicher über den zunehmenden, verkappten Fascho-Konservatismus in der Politik unterhalten und warum ein Kanzler Kurz, der die sozialen Systeme aushöhlen will, fürs nichts steht außer ein bisschen nett hetzen und Geld verdienen.

Matthias Sammer ist zwar kein Fascho, aber ein anpassungswilliger Systemopportunist ohne Haltung, der das DDR-System für seine freiwillige Mitarbeit bei der Stasi verantwortlich macht und als Karriere-Chamäleon seine eklatante Führungsschwäche sowie ein fehlendes, individuelles Verantwortungsbewusstsein zeigt.

Die Liste lässt sich bis zum ehemaligen VW-Häuptling Martin Winterkorn weiter führen, Bonihasen, die keine individuelle Verantwortung übernehmen. Alternativ hätten wir noch Wendehälse à la Angela Merkel, die zu 70% aus Opportunismus in der FDJ waren und jede beliebige Fahne aufs Dach hissen solange es gerade systemisch zum eigenen Vorteil passt.

Uns bleibt nur die Chance unseren, eigenen Willy Brandt in die Welt zu lassen oder den Franzosen das Ruder für Europa zu übergeben.

via T-Online

Herz mit Schnauze im Wunderland


Eine visuelle Darstellung der Berliner Art als Mixtape von Rhobbin und Berlinutz

Der Kampf um Wohnraum folgt auf Planet Erde meist den gleichen Abläufen. Menschen, die mit Geld ihr Geld verdienen sehen adrett aus und kaschieren damit gerne ihre fehlende, innere Demokratisierung.

Viertel werden attraktiv weil Menschen etwas aus ihnen geschaffen haben denen das innere und soziale Leben wichtig ist. Dann kommen diejenigen denen das alles egal ist und verkaufen es an diejenigen denen das auch egal ist, ganz einfach eigentlich.

Mich fragt selten jemand in Berlin was ich den so beruflich mache. Sobald ich gen Südwesten fahre ändern sich die kulturellen Codes. Der kapitalistische Narzismuss findet sich in projezierten Äußerlichkeiten des Lebens im Handy, dem Lebenslauf, einer Wohnung oder im Auto, er bestimmt das Miteinander als dominierende Geisteshaltung.

Menschen starren sich gerne abschätzend an, Sozialneid ist beliebt und Gott ist böse wenn zu perfekt. Zum Glück tickt Berlin mehrheitlich anders, Bezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg sind linkes Wunderland, quasi der einzige Posthippie-Kiez Deutschlands.

Immobilieninvestoren wie Jakob Mähren sind eher im entpolitisierten Vermehrungszwang beheimatet, die sich von Äußerlichkeiten ernähren und ihr Geld mit kultureller Verdrängung vermehren und denen vieles andere egal ist. Aktuell versucht er sein Glück mit einem Haus im Wedding, bei dem sich die Mieter, die sich charmanterweise „Herz mit Schnauze statt Profit und Kommerz“ dubben, nun tatkräftig gegen den Verkauf an seine Mähren Grundbesitz ONO GmbH wehren.

Obwohl es im Milieuschutzgebiet liegt bedauert Ephraim Gothe, SPD Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Mitte, dass sie den Erwerb durch ein Vorkaufsrecht nicht stoppen können.

Deshalb würden wir es lieber haben, wenn wir das Haus erwerben könnten – durch eine Wohnungsbaugesellschaft oder eine Stiftung, die sich beide verschrieben haben, das Haus sozialverträglich weiter zu betreiben – und dadurch die Gefahr zu bannen, dass die Mieterschaft verdrängt wird.

via rbb24

U.S. loses Internet mojo


Cenk Uygur, host of The Young Turks, explains this sad day in American history

It’s a very somber day for Internet freedom in the United States, the FCC bent over to Republican lobbyist control and catered to the interests of AT&T, Verizon and Comcast.

The big three can now throttle it’s speed and censor unwanted content in their pipelines. And in the irony of names, thanks to a Republican majority of 3-2 votes, the act dubbed itself „Restore Internet Freedom“ (pdf).

ISPs will be “gatekeepers” with the ability to promote their own content first and silence anything else (and the largest ones own their own networks, channels, tv shows, and products), so you can see how this arrangement is not at all in the best interest of the general public. This will be the biggest change to the Internet since it was created. Smaller independent sites and platforms will become less accessible and many will eventually disappear completely.

This is why the Indieweb movement is more important than ever. We need to support our decentralized networks, build better human relations and work out for future political battles. Not sure if the States will play an important role in that space in the future, most definitely not se control freaks in China.

via BOOOOOOOM

Den Hygge Hype wegscrollen

Endlos scrollen wir durch Szenen des Glücks, uns verlierend in den Glücksversprechen von inszenierten Situationen an Orten, die wir bereisen wollen, weil wir glauben, dass sie uns interessanter machen, als wir es selbst je sein könnten.

Glatte Oberflächen lassen sich wunderbar schnell konsumieren, je näher sie am perfekten Äußerlichen dran sind umso mehr dürfen es kurzfristige Illusionen der subjektiven Warhnehmung sein.

Sollten wir uns zu Tode scrollen und weiterhin freiwillig das Pseudo-Private an einen großen Konzern in Kalifornien kostenfrei übermitteln, rettet uns auch kein Hygge-Label als Ersatz für die fehlende Spiritualität in der omnipräsenten Verwertungsgesellschaft. Wie auch immer du deinen inneren Kern findest, ich bin mir ziemlich sicher, dass du ihn nicht beim Scrollen auf der Suche nach Hygge findest; der ist unlängst in dir drin, nur ungleich von Menschen entdeckt.

Laut meinem Verständnis ist Thoreau der Anti-Urhygge, er hatte er nur ein anderes, viel cooleres Label dafür: Ziviler Ungehorsam. Das passt natürlich nicht in die Verwertungsketten des Hygge-Labels, laut Dr. Wikipedia soll „let’s hygge“ sich einfach nur gegenüber sitzen sein und zuprosten. Ein Thoreau erinnert mich daran welche enorme, ungehorsame Macht wir als scrollende Verbraucher so haben.

via kleinerdrei

Musik mit Haltung

Denn wir gelten für die Medien als moralisches Gewissen. Narrenfreiheit bei der Industrie, man lädt uns gerne ein. Auf die Quotenrebellen kann sich jeder irgendwie einigen. Ein bisschen frech, aber schlau und so witzig und politisch. Und man schmückt sich mit uns, denn man gibt sich kritisch.

Es gibt so wenige Bands, die dem laschen, unpolitischen oder konservativen Mainschtream etwas entgegenzusetzen haben. Einer der wenigen ist die Antilopen Gang, sie stehen für positive Veränderungen und sind außerhalb ihrer Texte aktiv,  verfolgen ein größeres Ziel als nur auf der Bühne zu stehen. Wen das motiviert, der kann sie sich Morgen beim Zusatzkonzert in der Columbia Halle inspirieren lassen.

Auch BSMG, einer Koop zwischen Ghanaian Stallion x Musa x Megaloh, zeigen mit Jesse Owens wie die Haltung des Athleten seit 1936 anhält. Er hat gegen so viel Rassismus, in den USA und Deutschland, Widerstand geleistet und dabei vier Goldmedaillien in Berlin gewonnen.

Gerade jetzt sind Musiker mit inneren, progressiven Haltungen wichtig; damit meine ich keine kurzfristigen, unglaubwürdigen PR Verblendungen, nur weil es heute gerade passt.

Ich zeige meine Haltung wie der Bruder Jesse Owens. 1, 2, 3, 4. Jesse o, Jesse.

Einhornische Authentizität


Auch ein Plastikeinhorn ist irgendwie einzigartig, via Four Bricks Tall

Ich hatte einen Geschichtslehrer in New York, das muss in der 9. Klasse gewesen sein, der uns im Unterricht empfahl eine Leidenschaft zu entdecken und daraus eine Berufung zu machen. Wir sollten uns keine Illusionen machen, der Weg hat kein Ende und die Berufung schickt keine Rechnung.

Durch die Verzweckung des Alltags und einem sicherheitsstiftenden Produktivitätszwang verliert sich unser inneres Kind weniger im Moment des Seins, es bleibt weniger Zeit für die Suche nach dem inneren Kern, der heiligen Quelle der Authentizität.

Natürlich bietet sich ein 2-tägiger Workshop für die Suche nach der Quelle an. Ich sehe Listicle-Artikel, die mit „11 sofort umsetzbare Tipps um mit einem Klick real zu sein“ betitelt sind. Ich sehe Authentitzität verstärkt im Angebot, realness wird endlich kaufbar.

Tatsächlich hat „Authentizität“ in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt. Als könne ein Mensch jederzeit mit sich selbst identisch sein. Als ob schon irgendwas erreicht wäre, wenn jemand wie in der „Du darfst“-Werbung von sich behauptet: „Ich will so bleiben, wie ich bin.“

Durch unsere Primisierung des Soforthabenkönnens vergessen wir uns im Verlieren des Suchens, des inneren Sehens ohne klickbaren Kostennutzen und den Verlockungen der Verzweckungen, plötzlich ist „authentisch“ sein wichtig für die Karriere-Chamäleons, die Pofallas dieser Welt: echt Wirken ist wichtiger als Sein.

Tierisches Sinnbild dieser totalen, einzigartigen Realness ist das Einhorn. Tassen, Aufkleber, blinkende Hausschuhe, pinke Wurst und in Malle hat das Einhorn da vorn ein Horn. Es ist der kleinste, gemeinsame Nenner der einhornischen Authentizität, nur schade, dass sich fast keiner über den kulturgeschichtlichen Kern des Einhorns bewusst ist.

Das Fabeltier erscheint hier als Sinnbild der männlichen Fruchtbarkeit. Das Horn als Penis, der Regen als Ejakulation, das fruchtbare Land als Schwangerschaft. Ob sich die Marketingbüros, die sich die rosa Etiketten und die netten Sprüche ausdenken, dieser Konnotation bewusst sind?

via Maike Brülls