Mehr Hunter, weniger Farmer

Heute, am 18. Juli, wäre Hunter S. Thompson 80 Jahre alt geworden, er entschied sich mit 67 für den Freitod.

Als Erfinder des Gonzo Journalismus, quasi ein Vorbote subjektiver Veröffentlichungsorgien auf allen erdenklichen digitalen Kanälen, hätte ich gerne seine Meinung zur Banalität der glatten, austauschbaren, kommerziellen Oberflächen gehört sowie zur politischen Demobilisierung à la Merkel kombiniert mit dem ängstlichen Pseudodialog konservativer Politik.

„Er war einer dieser Schriftsteller, deren Arbeit zwar spannend, aber doch einfach aussieht – bisher jedoch unerreicht bleibt“.

via Christopher Kammenhuber

Qualität versus Tricks

Eigentlich ist es Zeit für eine Suchmaschine, die weg von Klicks und Tricks Inhalte findet und tatsächlich für den Suchenden relevant ist. Der Head of Inhalte bei sueddeutsche.de fragt sich warum Verlage (plus sueddeutsche.de) den Journalismus vernachlässigen.

via Stefan Plöchinger

/// Ergänzung zu  dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus ///

Wir Journalisten haben uns angewöhnt, den Erfolg in unserer Branche nicht mehr journalistisch zu beurteilen, sondern zu messen. Die Auflage der Zeitungen, die Quote der Radio- und Fernsehsender, die Zahl der Klicks, Besuche und Besucher der Nachrichtenseiten – diese Zahlen wirken überzeugend, absolut, unangreifbar. Jeden Monat werden diese Reichweiten von den Fachdiensten verbreitet, und dann wird abgerechnet: Wer ist Top, wer ist Flop? Wer ist der Beste und Größte?

Die Frage, wer seine Leser klüger macht und wer dümmer, wäre zweifellos manchmal interessanter. Darüber können die Fachdienste nicht so leicht schreiben, denn man muss dann hinter die Zahlen schauen, was länger dauert: auf das, was Journalismus eigentlich ausmacht, auf die Fähigkeit einer Publikation zum Einordnen, Erklären und Hinterfragen.

Und gelegentlich muss man auch die Zahlen selbst einordnen, erklären und hinterfragen.

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Fiktion der Vernunft: FAZ punkt nett

1999 war die FAZ überzeugt davon, dass tagesaktuelle Nachrichten nicht ins Netz gehören. Dank der Wayback Machine lässt sich auf der faz.de lesen, dass ‘Radio ja auch nicht im Rad verlesen wird’, als Begründung für das Festhalten an der eigenen Vernunft ohne tagesaktuelle Nachrichten.

2011 ist aus der faz.net die FAZ im Internet geworden und alles ist beim Alten, nur jetzt mit vernünftiger Markenführung und lesbaren URLs. Sogenannte Blogs sind schon vorher hinzugekommen, mitsamt einhergehendem Kontrollverlust. Hab ich voll vergessen, da war noch das Farbbild auf der Titelseite in 2007.

Im Land der unendlichen Kritiker mit einem Leitmedium aus Hessen scheint die Unsicherheitsvermeidung vernünftiger als Innovation. Ist irgendwie ganz nett, weil niemand in Mainhatten Verantwortung für eigene “Fehler” übernehmen muss. Und so hält man an der eigenen Fiktion der Vernunft fest, naja solange das Radio eben nicht im Rad verlesen wird.

Bürgerjournalismus und die magische Inhaltsproduktion

Läßt man Journalisten ihre eigene Berufsbezeichnung erklären, wird es bestimmt viele verschiedene Interpretationen geben – und das ist auch gut so. Denn im Grunde kann jeder Journalist sein, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Wirklich definieren lässt sich dagegen Inhalt und Kontext. „Qualitätsberichterstattung“ etwa basiere auf verifizierten Fakten, die durch professionelle Augen überprüft werden.

Läßt man Journalisten ihre eigene Berufsbezeichnung erklären, wird es bestimmt viele verschiedene Interpretationen geben – und das ist auch gut so. Denn im Grunde kann jeder Journalist sein, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Wirklich definieren lässt sich dagegen Inhalt und Kontext. „Qualitätsberichterstattung“ etwa basiere auf verifizierten Fakten, die durch professionelles und erwachsenes Urteilsvermögen bestimmt sind, erklärte Tom Stites bei der Bürgermedienkonferenz in Harvard. Weiter seien Integrität und der Anreiz für Leser, dass ihre Intelligenz gefordert wird, ein wichtiger Baustein.

Geht man nach der gängigen Definition, könnte jeder ein Bürgerjournalist sein und mit User Generated Content (UGC) glänzen. Aber was passiert, wenn dieser Inhalt so gut ist, dass er bezahlt werden sollte? Ist es dann immer noch UGC oder ist daraus Journalist Generated Content (JGC) geworden?

Im Definitionsangebot für Bürgerjournalismus ergänzt Stites: „Journalismus produziert von Nicht-Journalisten, willkürliche Akte von Nicht-Journalismus, Leser die an der Produktion vom Inhalt mitmachen oder ganz einfach Bürgerjournalismus ist Menschenmedien,“ dabei sollte zwischen dem Zivilbürger und Gemeinschaft unterschieden werden.

Das Verständnis für Bürgermedien in Deutschland ist schon etwas älter und von offenen Fernsehkanälen und freien Radios geprägt. Einige Bürgerjournalisten der ersten UGC-Welle haben den Sprung in den privaten oder öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschafft, nur die kritische Masse blieb aus. Allerdings: Das Ur-Verständnis des Internet, dass es eine unglaubliche Gleichstellung ermöglicht, rückt durch den Bürgerjournalismus à la Web 2.0 ein Quäntchen näher. Wir werden gleichzeitig demokratischer, interaktiver, transparenter, lokaler und globaler. Wow!

Inzwischen erhoffen sich viele Medienhäuser, dass digitale Bürgerinhalte einen wichtigen Bestandteil im Medienmix spielen werden. Vor allem der kämpfende Lokaljournalismus könnte durch die Zusammenarbeit von Blogs und Online-Bürgermedienplattformen an Profil gewinnen, gerade weil die Regionalzeitung schwächelt. So vermutet der Blogger der ersten Stunde, Doc Searls: „Die lokale Zeitung in Santa Barbara steht vor dem Zusammenbruch und diese Lücke füllt edhat mit weichen Lokalnachrichten ganz gut.”

In Zukunft wird es immer wichtiger werden, dem Nutzer aufgrund der riesigen Informationsflut Hilfestellungen zu bieten und Signale zu filtern; dies wird nur mit Web-Aggregatoren im Verbund mit menschlichen Moderatoren möglich sein. Übrigens: Menschen in den etablierten Medien experimentieren aktiv mit der magischen Inhaltsproduktion. So sendet CNN bewegte Bilder von Bürgerjournalisten in die Röhre und AOL experimentiert mit ungeschnittenen Amateurvideos. Meistens ist solche Information einfach zu produzieren und daher einfach zu publizieren. In Deutschland zeigen die Leserblogs der Ostsee-Zeitung oder Opinio erste Ansätze, auch Der Tagesspiegel spielt mit der Schnellschreibaktion Sensation. Die Entwicklung ist noch in den Kinderschuhen, aber die Bereitschaft zu experimentieren ist wichtig.

Die freien Radios experimentieren schon lange, dabei mussten sie bisher nie einen Cent damit verdienen. Sie verfolgen stattdessen das Ziel einer Gegenöffentlichkeit, um damit marginalisierten Menschen eine Plattform zu bieten. Die Ziele sind wünschenswert, nur leidet die Qualität und die kritische Masse bleibt auf der Strecke. Das soll jetzt in der zweiten UGC-Welle anders werden. Eine der erfolgreichsten Plattformen für Bürgerjournalismus, OhMyNews aus Südkorea macht es vor. Auch Jay Rosen will ab 15. September die Kombination ausprobieren.

Richtig magisch wird es, wenn investigativer Journalismus einen Platz im Bürgerjournalismus findet. Dazu sind bessere Werkzeuge nötig, vor allem die Effizienz von Aggregatoren und detaillierte Meta-Information werden eine entscheidende Rolle spielen. Verbesserungswürdig ist sicherlich die Kommunikation der Journalisten mit den Lesern. Dan Gillmor, Autor von “We the Media” und Leiter des Center for Citizen Media, schlägt ein Stück Demut vor, denn die Leser wissen seiner Meinung nach oftmals mehr als der einzelne Journalist.

Der Beitrag ist auch auf der Readers Edition zu finden.