Hajo, Mannem

Mit 3 bin ich das erste Mal umgezogen, von Frankfurt nach Chicago. Insgesamt bin ich 17 Mal umgezogen. In Mannheim hatte ich als heranwachsender Junge 3 Jahre einen festen Wohnsitz.

Mannhatten hat sich quasi ihre Stadtplanung von der Quadratenstadt Mannem abgeschaut, so wars, um nach N1 zu kommen fährt man einfach die Buchstaben-Achse runter. So ähnlich navigierts sich in NYC, von der 12. zur 42. Straße einfach immer einer Avenue entlang.

Als mittelmäßig talentierter Skater habe ich mein Glück am Wasserturm-Pool gesucht, der Turm lag außerhalb der Quadraten am Friedrichplatz. Auf dem Eis war ich deutlich sportlicher unterwegs, beim MERC. Und übers Netz schlug ich gelbe Bälle im Schwarz-Weiß Neckarau, hajo.

Aus der Zeit ist mir der rauhe, charmante Dialekt erhalten geblieben, auf Knopfdruck kann ich sprechen wie ein Mannemer. Ich hatte immer das Gefühl dort willkommen zu sein, in der Schule, der Nachbarschaft oder im Stollenwörtweiher.

In den vielen Jahren meines Umherziehens habe ich gelernt zuzuhören, ein Fremder zu sein obgleich das Fremde zu umarmen und dabei die einzigartigen kulturellen Codes bewusst zu sehen. Beim nächsten Umzug durfte ich mir das Schönste aussuchen und einfach mit nehmen.

Mannem hat mich positiv geprägt, die einstige Arbeiterstadt hat einen harten Kern, ehrlich, eine besondere Art über sich selber zu lachen kombiniert mit einem gesunden Lokalpatriotismus.

Besonders ist mit der traditionsreiche Waldhof Mannheim in Erinnerung gelieben. Waldhof kam nie mit dem potenziellen Hopp-Mäzen klar, dafür der aus der Retorte gebackene TSG. So ein Gaudino wäre in Hoffenheim sowieso im falschen Verein.

Heimat und hübscher Kitsch


Vilem Flusser, Schloss Solitude, Stuttgart, April 1991
Foto: Bernd Bodtländer


Was ist Heimat? Geheime Codes von Gewohnheiten, die von Beheimateten unbewusst geheiligt werden und für Zuwanderer wenn dekodifiziert als hübscher Kitsch enttarnt werden. Deshalb sind Zuwanderer für Beheimatete hässlich weil sie ihnen vorhalten wie banal ihre Codes sind.

Ich bin inspiriert von Vilém Flussers visionärem Vortrag ‘Heimat und Heimatlosigkeit’ aus dem Jahre 1985, der heute relevanter denn je ist. Flusser verknüpfte Medientechnik und den Umgang mit fremden Kulturen. Ich versuche eine Brücke zu unabhängigen, persönlichen, wandernden und meinungsbewussten Bloggern zu schlagen.

Flusser ist in vier Sprachen beheimatet gewesen, in Prag geboren, vor den Nazis als Jude über London nach Brasilien geflüchtet. 1972 vor der Militärregierung aus Brasilien wieder nach Europa gezogen und 1991 bei einem Autounfall in Deutschland gestorben.

In der menschlichen Kommunikation sah Flusser den scheiternden Versuch über die Abgründe zwischen Menschen und den menschlichen Gruppen Brücken zu schlagen.

“Der Mensch ist ein wohnendes, nicht notwendig beheimatetes Wesen. Die Wohnung erlaubt erst die Geräusche der Welt in Informationen um zu arbeiten um die Welt überhaupt erst wahrnehmen zu können. Das menschliche Dasein ist ein Pendeln zwischen Wohnung und Welt, zwischen öffentlichen und privatem. Dieses Pendeln zwischen privatem und öffentlichen, dieses privatisieren von öffentlichen und publizieren von privaten ist das was Hegel das unglückliche Bewusstsein genannt hat und welches das menschliche Bewusstsein schlechthin ist.”

Blogger dokumentieren die Geräusche der Welt mit ihrem persönlichen Filter und sind offensichtlicher subjektiv. Ihr Blog kann als Erweiterung der Wohnung gesehen werden, in dem sie Gemeinsamkeiten ihres menschlichen Daseins teilen.

“Die gegenwärtige Informationsrevolution kann als Befreiung von geografischer Gebundenheit angesehen werden. Ein immer größerer Teil der Menschheit wandert: Kubaner in Florida, Vietnamesen in Kalifornien oder Türken in Deutschland.”

Blogger wandern, sie sind befreit von geografischer Gebundenheit, auch wenn ihre kulturellen Wurzeln ein fester Bestandteil der Identität sind. Ihr öffentliches Publizieren ist geografisch ungebunden und somit die Wahl ihrer Wohnung. Im Vortrag erwähnte Flusser, dass die Heimat durch den sammelnden und nomadischen Menschen mit Hilfe der Informationsrevolution überwunden werden würde, Blogger sind Vorboten.

Weiter dachte er, dass in der zukünftigen und revolutionären Gesellschaft Dialoge überwiegen, welche ständig Informationen erzeugen. Bedingt durch die so entstehende Informationsflut zerbrechen die alten Diskurse. Dementsprechend gibt es in der telematischen Gesellschaft keine Autoritäten. Sie ist aufgrund ihrer vernetzten Struktur völlig undurchsichtig und lenkt sich selbst kybernetisch. So wird Telematik von ihm auch als kosmisches Hirn bezeichnet.

Blogger sind Teil dieses undurchsichtigen, dezentralen, kosmischen Hirns und das ist auch gut so. Also, nichts wie raus ihr wanderlustigen und findet die abgezäunten, banalen Schrebergärten und enttarnt sie als hübschen Kitsch.